Der kleine große Unterschied zwischen Sozialem und Formalem Lernen

Warum sind so viele Hundehalter mit den Erfolgen und Ergebnissen ihrer Vierbeiner nicht glücklich, obwohl sie jahrelang in die Hundeschule gehen?

Auf dem Trainingsgelände, auf dem Vereinsplatz und in der Hundeschule funktioniert alles ganz ordentlich, aber sobald das Erlernte draußen in der Umwelt umgesetzt werden soll, klappt es bei Reizkonfrontationen fast gar nicht bis überhaupt nicht mehr.

Die 25-jährige Krissi Emich aus Roßdorf, Studentin der Sportwissenschaft und aktive Turnierhundesportlerin mit der sechs Jahre alten Border Collie Hündin Maya , hat Hans Schlegel mit dieser Frage konfrontiert. Viele Fachexperten und Hundeschulen knüpfen mittlerweile an seiner Aufbauarbeit an.

Auf „Persönlichkeit statt Leckerlis“ setzt heute auch Michael Grewe, der Mitgründer von CANIS. Trotzdem gilt Hans Schlegel als Pionier in der Szene, der die neuzeitliche Form der Mensch-Hund-Beziehung definiert und gleichzeitig den Unterschied zwischen Bindung und Beziehung begründet hat. Diese Kommunikationsebene baut er ohne den Einsatz von Leckerlis und Spielzeug, dafür mit viel Herz und Verstand auf. Das Wesentliche daran ist, dass bei diesem Beziehungsaufbau die natürlichen Motivprogramme der Beutegreifer berücksichtigt werden und möglichst auf die Leine verzichtet wird, damit der Mensch als Beobachter und Leader seine Sinne schärfen und der Hund frei lernen kann. „Nur ein freier Hund lernt die wirkliche Freiheit kennen. Wenn Respekt und Vertrauen im Gleichgewicht sind, ist Harmonie die Ernte.“, erläutert Hans Schlegel seinen Schritt in die große Freiheit der Vierbeiner.

Krissi Emich: Hans Schlegel, was hat Sie zu Ihrer Methode bewogen, die Mensch-Hund-Beziehung in der Art und Weise zu begründen, wie Sie diese heute erarbeiten?

Wolf_2_470X330

Hans Schlegel: Das war über viele Jahre harte Arbeit im Alleingang. Ich selbst arbeite seit 35 Jahren nach diesem Modell. Ihr Grundprinzip ist „Bewegung – Disziplin – Zuneigung“, ein natürliches und fundiertes Naturprinzip der Beutegreifer allgemein.

Das Verstehen meiner Methode setzt voraus, dass die Motivprogramme eines Verhaltens genau beobachtet werden. Diese Arbeitsweise liegt mir seit jeher im Blut, denn ich arbeite so auch mit Raubkatzen und Greifvögeln. Das Einhalten einer Methode und das Verstehen ihrer natürlichen Grundprinzipien stellen bei der Arbeit mit einem Raubtier die Lebensversicherung für einen Trainer dar. Hunde haben die genau gleichen Prinzipien, nur die Risiken, dass der Mensch bei eigenem Fehlverhalten getötet wird, ist deutlich geringer, weshalb in der Hundeausbildung während vieler Jahre eher auf Vermenschlichung, Locken und Bestechen gesetzt wurde. Für mich ist es besonders wichtig, dass einem Tier generell und dem Hund im Speziellen möglichst natürlich gegenüber getreten wird, ohne die Stimme zu verstellen und den Körper zu verrenken. Ein natürlicher, authentischer Auftritt bringt die schnellsten und nachhaltigsten Erfolge!

Krissi Emich: Seit Jahren arbeiten Sie ohne Leine mit den Hunden und unterscheiden dabei strikt zwischen Sozialem und Formalem Lernen. Wie begründet sich diese Trennung, die Ihnen so große Erfolge gebracht hat?

Hans_470X330_12

Hans Schlegel: Da muss ich etwas weiter ausholen, um die Zusammenhänge verständlich zu machen. Dass die Kynologie noch sehr wenig über die ganzheitliche Mensch-Hund-Beziehung weiß, wurde mir erstmals anlässlich einer wissenschaftlichen Studie so richtig bewusst, in die die Schweizer Kriminalpsychologin und Doktorandin Jennifer Steinbach die Mensch-Hund-Beziehung und mich im Rahmen ihrer Doktorarbeit eingebunden hatte. Wir hatten in dieser Studie über 300 Teams analysiert.

Bestätigt hat sich diese weitgehende kynologische Unkenntnis sodann beim internationalen Fachsymposium in Teisendorf im Mai 2008, an dem die Kollegen Anton Fichtelmeier, Jan Nijboer, Michael Grewe und Thomas Baumann teilgenommen haben. Martin Rütter war ebenfalls als Referent geladen gewesen, sagte aber wegen kurzfristiger Erkrankung ab, was sehr schade war, denn wir hätten seine Arbeitsansätze und Begründungen zum Thema gerne auch gesehen, zumal jedenfalls ich ihn noch nie mit einem wirklich charakterstarkem Hund live und ohne Vorbereitung eins zu eins erlebt habe.

Das Publikum dieses Fachsymposiums bestand vorwiegend aus Inhabern von Hundeschulen, Trainern und Tierpsychologen. Als ich in meinem Vortrag von der Mensch-Hund-Beziehung und von Motivprogrammen, Stärkeverhältnissen, Diagonalanalyse und dem Unterschied zwischen einer Bindung und einer Beziehung zu sprechen begann, sah ich in entgeisterte Gesichter und wurde gewahr, dass die Hundewelt zwar sehr viel über Hunde weiß, aber vom Wichtigsten in der Mensch-Hund-Beziehung, nämlich ihrer fundierten Differenzierung zwischen Sozialem Lernen einerseits und Formalem Lernen andererseits wenig Sachkunde hat.

In zahlreichen nachfolgenden Gesprächen mit den Teilnehmern des Symposiums kristallisierte sich heraus, dass die allermeisten glaubten, die Reiz-Neutralität eines Hundes gegenüber Umweltreizen könne durch das Formale Lernen, also über „Fuß“, „Sitz“ und „Platz“ und Auslastung erzielt werden.

Welch ein Irrtum! Umwelttauglichkeit kann nur über das Soziale Lernen erreicht werden, also über die Glaubwürdigkeit des menschlichen Leaders gegenüber seinem Kooperationspartner Hund. Damit der Hund diese Kooperation auch lernen kann, muss er ohne Leine in Freiheit erzogen werden. Denn abhängig von Reiz und Situation müssen alle Wege für sämtliche Reaktionen des Hundes stets offen sein – nur so ist es möglich, den nächsten Erziehungsschritt zu definieren, der je nach Temperament und Gelassenheit des Hundes stark variieren kann.

Voraussetzung dafür ist, dass Mensch und Hund möglichst natürlich miteinander umgehen und sich auf einander beziehen und einlassen, was auf der mentalen Ebene und nicht mit Leine, Schleppleine, Wurst und Spielzeug geschieht.

Krissi Emich:  Worin liegt Ihrer Einschätzung nach der Hauptgrund, dass Situationen auf dem Trainingsgelände oder in der Hundeschule nicht eins zu eins auf die natürliche Umwelt des Hundes übertragen werden können? Welche Fehler werden hier gemacht? Und warum ist es so wichtig, zwischen Beziehung und Bindung zu unterscheiden?

Wolf_Amani_Bora_01

Hans Schlegel: Der Hauptgrund dafür, dass das auf dem Hundeplatz oder in der Hundeschule Erlernte außerhalb nicht funktioniert, liegt darin, dass die Hundehalter mit dem Formalen Lernen anstatt mit dem Sozialen Lernen beginnen. Sobald der Hund sich in der Obhut seines Halters befindet, wird „versucht“: Es wird versucht, ihm mit Futter das „Sitz“ beizubringen, ihn zu sich zu locken, damit er anschließend an der Leine eingeschränkt werden kann, und so weiter und so fort – und am Schluss ist der Halter nur noch froh, wenn der Hund überhaupt zu ihm kommt.

In der Welpenschule geht das Desaster weiter. Dort wird versucht, den Welpen an andere Hunde zu gewöhnen – der Mensch wird dabei meistens im Regen stehen gelassen. Dann versucht der Halter, seinen Hund von der mobbenden Hundegruppe wegzulocken – mit Leckerlis, versteht sich. Im ersten Erziehungskurs wird weiter versucht, den Hund mittels Locken und Bestechen dazu zu bringen, an der Leine zu gehen, „Sitz“ und „Platz“ zu machen und was nicht sonst noch alles.

Niemand merkt, dass der Hund ohne Locken gar nicht mehr funktioniert. Wenn die ersten Schwierigkeiten auftreten, sind die Hundetrainer heillos überfordert, und weil niemand mehr weiter weiß und der Hund in der Erziehungsgruppe störend geworden ist, wird versucht, Hund und Halter in die „Plausch- oder Spiel- und Spaßgruppe“ zu verschieben. Der Anfang eines unschönen Endes hat begonnen …

Bilder_Welpen_470X330_07

Soziales Lernen beginnt beim Hundehalter. Die meisten wissen, was sie nicht wollen, tun sich aber schwer, genau zu formulieren, was sie wollen. Soziales Lernen heißt: Wir versuchen nichts, sondern tun etwas, damit wir gemeinsam Schritt für Schritt ans Ziel kommen. Das bedeutet: Wir verkaufen unsere Seele und Persönlichkeit nicht für ein Stück Wurst. Wir setzen uns mit dem Hund auseinander und uns auch durch. Dafür geben wir viele herzliche und sanfte Streicheleinheiten – wir bringen uns ein. Das Resultat: Durch Respekt und Vertrauen entsteht eine harmonische Beziehung.

Der Hund hat verstanden, dass sein menschlicher Partner sehr lieb ist, jedoch sämtliche Ressourcen kennt, sich immer und überall konsequent durchzusetzen. Spüren Sie den Unterschied dieser beiden lerntheoretischen Ansätze? Locken und Bestechen führt bestenfalls zu einer Bindung, wenn kein Reiz auf den Hund wirkt. Aber genau dann, wenn es darauf ankommt, funktioniert es nicht. Zusammengefasst ausgedrückt: Die Mehrzahl der Hundehalter hat in reizarmer Umgebung eine liebevolle, materielle Bindung zu ihrem Hund – bei reizstarker Umgebung jedoch eine katastrophale Beziehung! 

Krissi Emich: Ein Ansatz Ihrer Methode ist auch, den Hund beim Sozialen Lernen nicht mit Leckerlis zu belohnen. Kann die Belohnung mit Futter dazu führen, dass das Erlernte zu einer territorialen Verknüpfung führt?

Hans_470X330_26

Hans Schlegel: Das ist die Krux der falschen Vorgehensweise! Bevor das Soziale Lernen nicht abgeschlossen ist, sollte nicht mit dem Formalen Lernen angefangen werden. Im Sozialen Lernen wird zwar auch mit Futter konditioniert, aber nur eine bestimmte Zeit lang, nämlich genau neun Trainingseinheiten, und dann beginnt die Verankerung. In der Verankerungszeit gibt es bei korrekter Ausführung ein ruhiges, herzliches verbales Lob. Futter allein lässt sich nur territorial verknüpfen, eine Neutralität auf Reizsituationen wird damit nicht erreicht.

Es ist mehr das Verhalten der Menschen, die Erfolg und Misserfolg mitbestimmen. Auf dem Trainingsplatz sind sie viel konzentrierter und lockerer als auf der Hundewiese oder auf dem Spaziergang, und das merkt der Hund. Wer mit Futter lockt und besticht, darf sich nicht wundern, wenn ein Hase das Interesse des Hundes mehr weckt als sein Wurstspender Mensch und der Hund ihn dafür entsprechend wie eine große Wurst im Walde stehen lässt. Wenn der Hund dann endlich wieder da ist und dafür auch noch eine Wurst bekommt, dann ist das Dilemma perfekt. Auf diese Weise entstehen sogenannte Brücken, die territorialisierte Charaktere formen.

Krissi Emich: Wenn Hundehalter registrieren, dass das ganze Training ihnen nicht weiterhilft, sobald der Hund Umweltreizen ausgesetzt ist, reagieren sie oft mit Frustration. Für sie bedeutet diese Erkenntnis ein großes Problem, weil sie nicht wissen, wie sie damit umgehen sollen. Der Hund spürt natürlich sehr genau die Gefühlslage seines Menschen. Wird dadurch das unerwünschte Verhalten des Hundes nicht noch verstärkt, so dass daraus ein regelrechter Teufelskreis entsteht?

Aggression_470X330_04

Hans Schlegel: Und ob, denn die „Wurstfraktionen“ haben verlernt, sich selbst herzlich zu loben. Also stecken sie ihr Herz in die Wurst und ihre Energie in den verbalen, emotionsgeladenen Tadel, was beim Hund, weil keine konkrete Handlung auf ein Fehlverhalten folgt, sondern nur emotional gepflasterte Ignorierversuche, als Zuneigung interpretiert wird. Folgende Verknüpfung entsteht beim Hund: Je mehr Blödsinn ich mache, desto mehr werde ich beachtet und betreut – ein immer schlimmer werdender „Teufelskreis“ ist in Gang gesetzt.

Wird dann nach der Standpauke nochmals gelockt, ist bereits die Mitte des „Teufelskreises“ erreicht: Die Betroffenen beginnen zu jammern, und der Hund hat seinen lieben Spaß an der Sache. Es ist unmöglich, zu jammern und gleichzeitig zuzulassen, dass einem der Hund permanent auf der Nase herumtanzt!

Krissi Emich: Inwiefern kann die von Ihnen entwickelte Schlauchtechnik dabei helfen, dass der Hund in jeder Umweltsituation neutral reagiert?

Bilder_Welpen_470X330_08

Hans Schlegel: Sehr wenig! Es sind das Tun und die damit verbundene innere Einstellungsänderung des Halters, die die Veränderung zum Positiven bewirken. Ich habe schon einen Kugelschreiber genommen, um das Ergebnis zu prüfen – mit gleichem Erfolg. Warum Schläuche? Schläuche werden vom Hund gerne angenommen und getragen. Wenn der Schlauch als Distanzkontrolle eingesetzt werden soll, dann muss er später mit einem Apportierspiel neutralisiert werden können. Der Hund nimmt die Schläuche sehr gerne und freudig an, sei es beim Apportieren oder beim Tragen auf dem Spaziergang.  Schläuche helfen somit, die Lernprinzipien „Bewegung – Disziplin – Zuneigung“ in der perfektesten Form in die Tat umzusetzen.

Krissi Emich: Besten Dank für das Interview!

Den Newsletter Abonnieren

Herzlichen Dank!

Fehler